Die Angst vor dem schwachen Nachbarn

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Die Oma, der Taxifahrer, sogar eine Soziologin, die ich sehr schätze: Sie alle schwärmen von den Massenprotesten gegen einen Kompromiss im Namensstreit, die in den letzten Wochen in Thessaloniki und Athen stattgefunden haben. Die Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM) darf nicht Mazedonien heißen, sagen sie. Es dürfe nicht einmal das Wort „Mazedonien“ im zukünftigen Namen des Nachbarlandes vorkommen, wenn es zu einen Kompromiss bei den aktuellen Verhandlungen kommen sollte. Weil dann dieses Land Ansprüche auf das wahre Mazedonien haben wird, den nördlichen Teil Griechenlands. Dort wo die wahren Mazedonier leben.

Seit dem Beginn der sogenannten Schuldenkrise sind fast zehn Jahre vergangen, harte Sparauflagen wurden unter dem Druck der Gläubiger umgesetzt, immer mehr GriechInnen leben in Armutsverhältnissen. Und man denkt: Ist gerade das jetzt das wichtigste Problem? Wird nicht auch bei der jetzigen Bezeichnung FYROM schon das Wort Mazedonien verwendet? Wie ticken denn überhaupt die GriechInnen?

„Die haben uns fast alles weggenommen“, sagt der junge Mann hinter dem Lenkrad des Taxis. Löhne und Renten wurden gekürzt, hohe Steuern auferlegt, Zwangsversteigerungen durchgesetzt, mehrere wichtige Flughäfen privatisiert. „Das aber geht jetzt zu weit. Mazedonien gehört uns!“, sagt er. Erschöpft und erniedrigt von den Auflagen der Gläubiger Griechenlands und der widersprüchlichen Haltung der linksgerichteten Regierung von Alexis Tsipras, die vor ihrer Wahl den diktierten Sparkurs scharf kritisierte und ihn jetzt brav umsetzt, fühlen die Griechen, dass sie jetzt erneut die Souveränität des Landes verteidigen müssen. Patriotismus erlebt gerade in Griechenland einen Höhenflug. Studien belegen die Stärkung von nationalistischen Tendenzen,  insbesondere im Alter zwischen 25 und 54 Jahren.

Die Oma hat ein anderes Argument: „Ihr seid zu jung. Wir wurden kurz nach dem Krieg geboren, wir haben die griechische Diktatur in den 70ern erlebt, wir wissen, was ein Krieg bedeutet. Es muss klar gestellt werden, dass das Nachbarland keine Ansprüche auf Griechenland haben wird“, sagt sie. Ich bin kurz davor, eine Gegenargumentation zu liefern, um ihre Ängste zu mildern. Dass es keinen Krieg mit dem kleinen schwachen Nachbarland geben wird, dass Griechenland nichts zu befürchten hat. Aber dann erinnere ich mich an diesen einen Abend in Skopje vor etwa 10 Jahren. Einer der Einheimischen kam in einer Kneipe auf mich zu, wissend, dass ich aus Griechenland komme, und sagte zu mir provokativ, wie schön es wäre, wenn Skopje und Thessaloniki ein Land wären, wie ähnlich sich beide Völker sind. Ich lächelte damals ironisch.

Meine Bekannte, die Soziologin, sagte mir am andere Ende der Telefonleitung, wie schwierig es war, einem ausländischen Journalisten zu erklären, dass bei der Demonstration in Athen nicht nur Nationalisten, konservative Opas und Neonazis teilgenommen und die weiß-blauen Fahnen Griechenlands geschwenkt haben. Sondern auch Eltern mit ihren Kindern, Jugendliche, die sich Sorgen um die Ansprüche des Nachbarlandes machen, und andere ‘normale‘  Menschen. Der Journalist aber bestand verärgert darauf, dass es nur Nationalisten waren, obwohl er selbst bei der Demonstration gar nicht dabei war, erzählt sie erbittert.

Und dann lese ich Dutzende aktuelle Analysen zum Namensstreit. Ein bekannter Professor für Verfassungsrecht schreibt, dass FYROM im Falle eines Abkommens, seine Verfassung ändern muss. Denn ein Abkommen wäre alleine nicht ausreichend, weil es in der Regel der Verfassung untergeordnet ist. „Das Überleben des Namens Mazedonien in der Verfassung und allen andern nationalen Begriffen als ‘mazedonisch‘ wird in der Praxis das grundlegenden Ziel der griechischen Diplomatie unterlaufen, dass die Lösung [das Abkommen] für alles und vor allem auch im Inneren des Landes gilt“, so der Professor.

Danach bleibe ich lange bei zwei Absätzen eines Artikels stehen, den ein ehemaliger Kollege und erfahrener Journalist geschrieben hat: „Es ist wahr, dass die FYROM zu klein ist, um Griechenland zu bedrohen, aber nicht, wenn sie als strategischer Verbündeter der Türkei oder einer anderen Griechenland bedrohenden Macht agieren würde. … FYROM liegt auf dem Balkan, zwischen Griechenland, Serbien, Bulgarien und Albanien. Wer FYROM kontrolliert, kontrolliert den Balkan. Wer den Balkan kontrolliert, kann Krieg gegen Russland führen. So einfach ist das“, schreibt er.

Ich finde es viel komplizierter. Und es wird noch komplizierter je mehr und länger wir in Griechenland und im Ausland aneinander vorbeireden und -schauen.