Bosnien 1992 – Ukraine 2022: Zivilgesellschaftliche Reaktionen auf den Krieg

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Am 7. April 2022 veranstalteten wir zusammen mit sechs Partnerorganisationen ein Diskussionspanel in Berlin, auf dem es sowohl um den Kriegsausbruch in Bosnien-Herzegowina vor genau 30 Jahren als auch um den Angriffskrieg des Putin-Regimes auf die Ukraine 2022 geht. Zusammen mit Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Forschung und Politik sprachen wir über unmittelbare Formen der Solidarität mit der Ukraine vor dem Hintergrund der Erfahrungswerte aus Bosnien. Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Kriege und ihrer grenzüberschreitenden Folgen?

Das Datum der Veranstaltung (7. April) war nicht zufällig gewählt: In Bosnien-Herzegowina (BiH) wird der Vortag, der 6. April, seit langem im Zusammenhang mit Krieg erinnert: Am 6. April 1941 griff die deutsche Wehrmacht die bosnische Hauptstadt Sarajevo an, die wiederum am 6. April 1945 nach vierjähriger Besatzung befreit wurde. Am Vorabend des 6. Aprils 1992 begann auch die Belagerung und die gezielte, über Jahre andauernde Zerstörung der Stadt mit zahlreichen Todesopfern. Erst mit dem Dayton-Abkommen 1995 ist es schließlich zum Abschluss eines Friedensabkommens gekommen, das sich jedoch fragil gestaltet: Bis heute trägt das Land nicht nur schwer an den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges, dessen Wunden durch die andauernde politische Fragmentierung nie ganz verheilen konnten.

Besonders im Laufe des letzten Jahres (2021) haben sezessionistische serbische Eliten (wie auch kroatische Nationalisten) alles daran gesetzt, den gemeinsamen, multiethnischen Staat BiH zu sabotieren – mit dem Ziel, ihn aufzulösen; immer häufiger und deutlicher ist deshalb in den letzten Monaten von der Gefahr eines erneuten Kriegsausbruchs die Rede. Eine besonders wichtige Rolle in dieser Entwicklung spielt seit jeher Russland, das sich als Schutzmacht Serbiens und der serbischen Bevölkerung BiHs versteht. Das Putin-Regime hat sich wiederholt als enger Verbündeter für geschichtsrevisionistische, populistische Kräfte in Serbien und BiH hervorgetan und zuletzt sogar offen Drohungen an die Adresse westlicher Verbündeter des Gesamtstaates BiH ausgesprochen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der brutale, kriegerische Angriff des Putin-Regimes auf die Ukraine in BiH und in der weiteren Region für besonders große Beunruhigung gesorgt hat – bis hin zu Retraumatisierungen.

Vor diesem Hintergrund fragten wir, welche historisch-politischen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und geopolitischen Zusammenhänge es zwischen dem Bosnienkrieg 1992-1995 und dem aktuellen Ukrainekrieg gibt. Wie hat sich der Krieg langfristig auf die Menschen aus BiH ausgewirkt und mit welchen konkreten Befürchtungen und Hoffnungen blicken sie auf Europa, die Ukraine, Russland und ihre eigene Region? Welche Rolle spielen heute ukrainische DiasporaNetzwerke, wie droht sich der Krieg auf das Zusammenleben auszuwirken und mit welchen künftigen Herausforderungen ist noch zu rechnen? Welche Soforthilfe ist momentan angezeigt? Wie geht es den Menschen auf der Flucht, und welche Rolle nehmen Helfer:innen ein? Wie sieht eigentlich die angegriffene ukrainische Zivilgesellschaft aus, wie setzt sie sich zur Wehr – und wie lassen sich sinnvolle Bündnisse gestalten?

Moderation und Panelist:innen

  • Dr. des. Thomas Schad (Moderation und Impulsreferat) ist Historiker mit dem Schwerpunkt grenzübergreifender Neo-Populismus in Südosteuropa, Türkei und EU, Mitbegründer des Projekts Bosnien in Berlin und koordiniert bei Balkan:biro die Veranstaltungsreihe Grenzenlose Solidarität?
  • Emina Haye ist während des Krieges der 1990er von Bosnien nach Deutschland geflohen. Während ihres Studiums hat sie als freischaffende Dolmetscherin im Bereich der Psychotherapie für Kriegsflüchtlinge gearbeitet und verfolgt die Geschehnisse in der Ukraine aus der Sicht einer ehemaligen Geflüchteten. Momentan ist sie Dozentin am Lehrstuhl für Südslawistik der HU Berlin und Mitbegründerin des Blog- und Buchprojekts Bosnien in Berlin, wo sie sich mit dem Fortwirken der Kriegsgeschehnisse in der Gegenwart auseinandersetzt.
  • Olga Pischel kommt aus der Ukraine und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Überbrücken, mit der sie mehrere Projekte zur Traumabewältigung in der Ukraine durchgeführt hat. Außerdem engagiert sie sich als Vorstandsmitglied des Städtepartnerschaftsvereins Steglitz-Zehlendorf für die Unterstützung der Zivilgesellschaft, Jugend- und Bildungsarbeit in Charkiw.
  • Hannes Mattenschlager ist Mitglied und ehemaliger Stiftungsratsvorsitzender von Schüler*innen Helfen Leben (SHL) und engagiert sich zurzeit ehrenamtlich in der Koordination der Ukraine-Nothilfe von SHL, die aktuell mit lokalen Partnerorganisationen in Czernowitz (Chernivtsi), Moldawien und Polen zusammenarbeitet. Er kann seine Eindrücke aus diesem Engagement mit uns teilen, aber auch vom Selbstverständnis einer Jugendorganisation berichten, die während der Jugoslawienkriege entstanden ist und sich auch für Betroffene des Syrienkriegs engagiert.
  • Dr. Susann Worschech ist Sozialwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Ukraine an der Viadrina Universität Frankfurt (Oder). Sie forscht und publiziert über Zivilgesellschaft, Demokratieförderung und transnationale Netzwerke der Europäisierung und ist außerdem Fraktionsvorsitzende der BVV-Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen Neukölln.

Projektpartner:innen

  • balkanbiro e.V. (LINK)
  • ImPULS e.V. (LINK)
  • Stiftung Schüler Helfen Leben (LINK)
  • Stiftung Überbrücken (LINK)
  • Bosnien in Berlin (LINK)
  • Südosteuropa-Gesellschaft (LINK)
  • Humboldt-Universität zu Berlin (LINK)

Die Veranstaltung wird im Rahmen des Projekts „StadtImpulse“ durch die Landeszentrale für politische Bildung gefördert sowie durch die Stiftung Schüler Helfen Leben. Coverbild: (c) Nicolas Moll.